Das Wunder von Hollen

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Nach dem Abpfiff konnten unsere Mannen gemeinsam mit ihren treuen Anhängern den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt feiern. FCL-Bild: Reiner Poets
Nach dem Abpfiff konnten unsere Mannen gemeinsam mit ihren treuen Anhängern den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt feiern. FCL-Bild: Reiner Poets

Es ist der 03.06.2018 – für viele Menschen ein ganz gewöhnlicher Sonntag. Für unseren FC Loquard ist der 03.06.2018 jedoch einer dieser Tage, die man vermutlich sein ganzes Leben in bester Erinnerung behalten wird. An jenem Sonntag feierte unser FCL in Hollen, nach einer unglaublichen Aufholjagd, den nicht mehr für möglich gehaltenen Klassenerhalt in der Ostfrieslandklasse.

Nach dem Ostfrieslandliga-Abstieg eine Saison zuvor, startete unser FCL auch eine Spielklasse tiefer denkbar schlecht in die neue Spielzeit 2017/2018 und rangierte nach acht Spieltagen ohne Sieg als Tabellenletzter in der Ostfrieslandklasse. Um der jungen Mannschaft einen neuen Impuls zu ermöglichen, erfolgte vor dem anstehenden Krummhörn-Derby gegen den RSV Visquard der Rücktritt des damaligen Trainergespanns Hinni van Gerpen und Sascha Ukena. In jenem Derby zeigten unsere Mannen, unter der interimsmäßigen Anleitung von unserem Ersten Vorsitzenden Joachim Harberts, Spielausschuss-Obmann Bernd Visser und Roland Beekhuis, der zum damaligen Zeitpunkt verletzungsbedingt nicht zur Verfügung stand, dann tatsächlich die bis dato beste Saisonleistung und rang den aufstrebenden Visquardern ein 1:1-Unentschieden ab.

„In der Kabine hätte man vor dem Anpfiff die Stecknadel auf den Boden fallen hören können, so motiviert und konzentriert waren die Jungs vor dem Derby. Der Matchplan, den wir für das Spiel konzipiert hatten, ist komplett aufgegangen, lediglich ein Quäntchen Glück fehlte zum ersten Sieg der Saison“, so Interimstrainer Harberts, der unmittelbar vor dem Derby eine flammende Ansprache an das Team hielt, die sich bis heute in den Köpfen eingebrannt hat.

In der darauffolgenden Woche gelang es unseren Vereinsverantwortlichen mit André Popp und Stefan Mulder, die das Krummhörn-Derby von der Seitenlinie verfolgt hatten, ein neues Trainerteam zu installieren, das bei standesgemäßem, senkrecht einprasselndem Regen und gefühlten Temperaturen im zweistelligen Minusbereich zur ersten Trainingseinheit auf dem Sportplatz des RSV Emden lud. Dass unsere Mannen trotz einer guten Derby-Leistung verunsichert waren und inmitten des tobenden Abstiegskampfes nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzten, entging auch den neuen Trainern nicht: „Stefan und ich haben auf Anhieb gemerkt, dass es innerhalb der Truppe stimmte und der Kampfeswille absolut vorhanden war. Jedoch zeigte bereits die erste Trainingswoche, dass das Team nicht so richtig wusste, was es machen sollte: Taktisch gab es Nachholbedarf und auch körperlich mussten wir den Finger tief in die Wunde legen. Wir wussten von Anfang an, dass es eine Mammutaufgabe werden würde, der wir uns aber, gerade weil wir das große Potential dieser jungen Mannschaft sahen, selbstbewusst gestellt haben.“

Das neue Trainerteam schaffte es binnen kürzester Zeit, Hoffnung und Selbstbewusstsein in die Mannschaft zurück zu bringen, was maßgeblich dazu beitrug, dass die Leistungen auf dem Platz von Woche zu Woche besser wurden: Waren unsere Mannen zuvor oftmals ängstlich, auf ihre spielerische Qualität zu vertrauen und über Kurzpassspiel Lösungen zu forcieren, vernahmen FCL-Anhänger wie auch neutrale Betrachter gleichermaßen, dass das spielerische Element zunehmend in der Vordergrund rückte und der gezeigte Fußball attraktiver wurde. Trotz des einsetzenden Positiv-Trends ließ der erste Saisonsieg weiterhin sehnlichst auf sich warten. Woche für Woche bewahrheitete sich, leider am Beispiel unseres FCL, die Fußballweisheit, das Glück nicht gepachtet zu haben, wenn man am Tabellenende steht.

Die Mannschaft glaubte trotz, oder vielleicht auch gerade wegen zunehmender medialer Schelte jedoch weiterhin an ihre Chance auf das Unmögliche. Unterstützt von ihrem Trainerteam, der Rückkehr einiger Langzeitverletzter und ihren treuen Anhängern, die sich zu dieser Zeit mit unseren Loquardern solidarisierten und auch weite Auswärtsfahrten mit antraten, rückte das Team noch enger zusammen und am Ostersamstag 2018 war es endlich soweit: Bei BW Filsum gelang nach mehr als einjährigem Warten endlich wieder ein Sieg im Ligabetrieb. Tobias Geiken und Roland Beekhuis sorgten mit ihren Treffern für einen 2:1-Auswärtserfolg, der den Knoten für unsere Loquarder platzen ließ und eine irre Aufholjagd in Gang setzte.

Unsere Mannen erarbeiteten sich in den Folgewochen durch couragierte Leistungen und durch das Hamstern wertvoller Punkte ein nicht mehr für möglich gehaltenes Endspiel beim damaligen Tabellensechsten in Hollen, um den zweiten Abstieg in Folge abzuwenden. Der Zuspruch, den unsere Loquarder in der Woche des Spiels erfuhren war außergewöhnlich: Anhänger suchten das Team beim Training auf und spendeten ihnen Mut und Zuspruch für den bevorstehenden Showdown und auch der eigens für das Spiel eingesetzte Reisebus füllte sich wie von selbst.

Und so traten unsere Mannen am 03.06.2018 die Reise nach Hollen an – und sie kamen nicht allein: Nicht nur die zahlreichen Anhänger, die unser Team im Reisebus begleiteten, fanden sich auf der Sportanlage in Hollen ein. Ein ganzer Ort schien sich an jenem Sonntag zu mobilisieren, um ihre Erste Herren zu unterstützen. Zahlreiche Fahrgemeinschaften wurden gebildet, Plakate und Banner erstellt und auch an die akustische Komponente wurde in Form von Trommeln gedacht. Nils Bruns, der aufgrund einer Sperre für das Spiel nicht zur Verfügung stand und unseren Mannen zusammen mit dem ebenfalls gesperrten Marvin Davids spontan als Trommler von der Tribüne aus einheizte, erinnert sich: „Die Nervosität war vor dem Anpfiff deutlich spürbar, aber trotzdem war die Hoffnung groß, dass wir es schaffen werden und den zweiten Abstieg in zwei Jahren verhindern können. Dementsprechend haben wir vom Anpfiff weg alles gegeben, um das Team nach vorne zu peitschen.“

Das Feld für das „Wunder von Hollen“ war also bereitet, aus einem Auswärts- wurde unter ohrenbetäubender Anfeuerung von der Tribüne ein Heimspiel und es oblag unserer Mannschaft, dafür zu sorgen, dass am Ende des Tages zusammen gefeiert werden konnte.

„Als man den Sportplatz betrat hatte man natürlich doch schon im Hinterkopf, dass das Spiel über Abstieg oder Klassenerhalt entscheiden würde, was für Nervosität innerhalb der gesamten Mannschaft sorgte. Geholfen haben uns an diesem Tag aber unsere Anhänger. Es war der absolute Wahnsinn, was die von der Tribüne aus abgerissen haben“, so Kai Tammeus, einer jener Langzeitverletzten, auf dessen Rückkehr das Team sehnlichst lange warten musste, der jedoch pünktlich zum Saisonfinale wieder die Fäden im Mittelfeld ziehen konnte.

Trotz aller Anspannung fand unser FCL gut in die Begegnung und erspielte sich erste zaghafte Torchancen. Ein besonderes Augenmerk unserer Defensive um Abwehrchef Marven Mudder galt Marcel Seidler, dem Toptorjäger der Gastgeber, der zu diesem Zeitpunkt bereits 19 Saisontore erzielte und zu den besten Stürmern der Liga zählte. Jedoch gelang es unserem Defensivverbund die Null zu halten und kurz vor der Halbzeitpause versetzte Heiko Baumann die komplette Sportanlage in Ekstase: Nach einem berechtigten Foulelfmeter trat Baumann an und verwandelte sicher zur 1:0-Führung unserer Loquarder, was zu diesem Zeitpunkt gleichbedeutend mit dem Klassenerhalt gewesen wäre.

„Als der Elfmeter für uns gepfiffen wurde, dachte ich mir, dass es ein Vorteil für uns sein könnte, da der Druck folgend nicht mehr ganz so hoch sein würde. Im Hinterkopf war aber auch, dass wir in der Saison bereits einige Elfmeter verschossen hatten. Und auch ich war einer derer, die vom Punkt vergaben. Ich hab mir den Ball dann geholt und mir die Ecke im Kopf ausgesucht. Dabei hab ich mir eingeredet, dass der Ball entweder reingeht oder eben nicht, das Spiel unabhängig davon danach jedoch einfach weiterlaufen wird. Beim Anlauf war ich mir dann sicher, dass der Ball reingehen wird und wir nicht absteigen werden. Der Druck war in diesem Moment aber enorm“, so Elfmeterschütze Baumann rückblickend.

Auch nach dem Seitenwechsel hatten unsere Mannen das Spielgeschehen weitestgehend unter Kontrolle, versäumten es jedoch, einen weiteren Treffer nachzulegen, was postwendend mit dem Ausgleich durch Seidler bestraft wurde. Da ein Unentschieden nicht reichte, sich aus eigener Kraft zu retten, stieg im Bewusstsein dessen auch die Nervosität- und das nicht nur auf dem Platz: Vermehrt wurden die Smartphones auf der Tribüne bemüht, um über den Liveticker die Ergebnisse der Konkurrenz zu überprüfen. „Wir haben hier und da wohl über unsere Zuschauer erfahren, dass es auf den anderen Plätzen tendenziell eher für als gegen uns lief, aber sicher sein, dass uns ein Unentschieden reichen würde, konnten wir uns nicht. Deswegen war es auf dem Platz ein schmaler Grat, sich auf die Patzer der Konkurrenz zu verlassen und die eigene Grundordnung nicht völlig über den Haufen zu werfen, um ein weiteres Tor zu erzielen“, so Mirko Weets, der sich im defensiven Mittelfeld folgend darum bemühte, dass die angesprochene Ordnung im Spiel unserer Loquarder erhalten blieb.

Als Schiedsrichter Tobias Leerhoff die Begegnung nach 90 Minuten abpfiff und das Spiel 1:1-Unentschieden endete, wussten unsere Mannen zunächst nicht, ob das Remis zum Klassenerhalt reichen würde. Doch spätestens als sie vom jubelnden Trainerteam André Popp und Stefan Mulder sowie ihrem Ersten Vorsitzenden Joachim Harberts mit offenen Armen empfangen wurden, war klar, dass das Wunder von Hollen realisiert wurde und der Klassenerhalt gefeiert werden konnte.

Nach Abpfiff, mit dem Abfallen des Druckes und dem realisierten Klassenerhalt kannte der Jubel keine Grenzen mehr.  Von links: FCL-Anhänger Marlon Alberts, Nils Bruns, Marven Mudder.  FCL-Bild: Reiner Poets
Nach Abpfiff, mit dem Abfallen des Druckes und dem realisierten Klassenerhalt kannte der Jubel keine Grenzen mehr.
Von links: FCL-Anhänger Marlon Alberts, Nils Bruns, Marven Mudder.
FCL-Bild: Reiner Poets
„Die gesamte Saison hat alle, die es mit dem FC Loquard halten, um einige Jahre altern lassen. Umso größer war die Erleichterung bei allen Beteiligten, als der Klassenerhalt, der zwischenzeitlich unerreichbar schien, dann doch noch gefeiert werden konnte. Der unvergesslichen Saison schloss sich eine mindestens ebenso unvergessliche Feier mit allen FCL-Anhängern an, die den Eindruck erwecken ließ, wir wären Meister geworden. Aber die Meisterschaft folgte ja erst ein Jahr später“, so Joachim Harberts mit einem Augenzwinkern.
Das Wunder von Hollen war vollbracht, der Klassenerhalt realisiert und der Startschuss für eine unvergessliche Feier gefallen.  FCL-Bild: Reiner Poets
Das Wunder von Hollen war vollbracht, der Klassenerhalt realisiert und der Startschuss für eine unvergessliche Feier gefallen.
FCL-Bild: Reiner Poets